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Die Laudatio 2003
SCNAT - The House of Sciences


Wunderwelt Insekten im Natur-Museum Luzern

Preisverleihung vom 31. Oktober 2003

Laudatio von Prof. Thomas Stocker, Jurymitglied und Leiter der Forschungsabteilung Klima- und Umweltphysik am physikalischen Institut der Universität Bern

Sehr geehrter Regierungsrat Herr Dr. Schwingruber !
Lieber Herr Präsident, Kollege Baccini !
Sehr verehrte Ausstellungsmacherinnen und -macher, die wir heute auszeichnen !
Liebe Gäste und Freunde !

Insekten wecken Gefühle, und – wenn wir ehrlich sind – oft negative. Von Gotthelf bis Kafka haben sich unzählige Autoren mit solchen Gefühlen auseinandergesetzt, oder sie eingesetzt, um den Leser zu fesseln und in den Bann ihrer Geschichte zu ziehen. Warum eigentlich? Neben den trivialen Unannehmlichkeiten geschwellter und beissender Haut nach einer lauen Sommernacht, oder dem Ekel, den wir beim Anblick einer Kakerlake empfinden, ist es vielleicht auch das Wissen, dass manche Insekten, vorallem die etwas unbeliebteren, eine unvorstellbare Anpassungsfähigkeit an Veränderungen der Umwelt besitzen, also eigentliche Überlebenskünstler sind. Klar, viel Zeit hatten sie ja, diese wundersamen Tiere, deren früheste Spuren 230 Millionen Jahre zurückreichen. Bei genauem Hinschauen weicht aber der Ekel dem Staunen.

In diesem Sommer 2003, den ich eigentlich aus der Sicht des Klimaforschers kommentieren müsste, Sie heute Abend jedoch davor verschonen will – in diesem Sommer hatten meine beiden Töchter die einmalige Gelegenheit, einen Teil des Lebenszyklus des Schwalbenschwanz, mitzuerleben und zu bestaunen. Die gefrässige Raupe, mit ihrer wunderschönen Zeichnung, webte um sich eine Puppe, in der die Metamorphose während den folgenden zwei Wochen stattfand. Einem genauen Programm folgend, brach schliesslich der Kokon auf, und es entschlüpfte der neu entstandene Schwalbenschwanz, der nach einer halben Stunde fortflog. Zusammen haben wir gestaunt und die Schönheit des entstandenen Sommervogels bewundert.

Aber im Allgemeinen haben wir Staunen eigentlich verlernt. Wie oft staunen wir noch? Staunen ist nicht cool, staunen heisst zugeben, dass man überrascht ist, einen Vorgang zunächst nicht erklären kann, und vom Eindruck, der über unsere Sinne wahrgenommen wird, überwältigt ist. Wir müssen wieder mehr staunen! Doch zum Staunen muss man beobachten und sich Zeit nehmen.

Noch gut erinnere ich mich an die erste Stunde des Biologieunterrichts am Gymnasium Rämibühl in Zürich. "Ihr müsst lernen zu beobachten, und das Beobachtete zu beschreiben". Was trivial tönte, war gar nicht einfach, wir mussten üben und hart arbeiten, bis unser Lehrer zufrieden war. Bei dieser Arbeit habe ich das wichtigste Handwerk aller Naturwissenschaften gelernt: das Beobachten. Das gute Beobachten löst eine ganze Kette von Vorgängen aus: Staunen, Neugierde, mehr wissen wollen, erforschen. Zu Beginn der quantitativen, naturwissenschaftlichen Forschung stehen also Beobachten und Staunen. Staunen ist der Beginn jeder vertieften Auseinandersetzung mit dem bestaunten Objekt.

Hier holt uns die Austellung "Wunderwelt Insekten" ab. Sie führt uns zum Staunen, und weckt Neugierde. Wir staunen über die Vielfalt der Grössen, Formen und Farben dieser Insekten – wir wollen entdecken. Dabei schreitet man hier nicht klassisch-kahle Ausstellungswände ab, mit tausenden von Insekten, aufgespiesst und eingeordnet nach ihrer Herkunft, Spezies und Subspezies, sondern ist aufgefordert, selbst zu entscheiden, welche Objekte man zu sehen bekommen will. Die Insekten werden als Teil eines Schatzes vorgeführt: Schätze aus der Sammlung von Dr. Walter Linsenmaier, dem international bekannten Entomologen und Maler. Das Öffnen von Schliessfächern, eine gekonnte Anspielung auf unser hiesiges Verständnis, was ein Schatz ist, wo und wie er aufbewahrt wird, wird zum aktiven Erlebnis des Beobachtens. Nach einigen Sekunden entzieht sich das neu entdeckte Insekt wieder unserem Blick – wie in der Natur.

Das Konzept benutzt schlau unsere Vorstellung von "Schatz" als gelungene Verpackung der Ausstellungsobjekte. Sei es eine Reihe von Schliessfächern, oder die Schatztruhe in einem arabischen Zelt, oder sonstige vorborgene Orte der Aufbewahrung von Kostbarkeiten: es wird eine Neugierde erzeugt, die den Betrachter zum aktiven Bestaunen auffordert. Kinder, wie auch Erwachsene erliegen dieser Strategie des Ausstellens. Jedes Bild trägt somit die wichtige Botschaft, dass es sich bei den ausgewählten Insekten um einen Schatz handelt, etwas Wertvolles, etwas Einmaliges.

In diesem Sinne ist diese ausgezeichnete Ausstellung nicht zuletzt auch ein Appell an uns, die Einmaligkeit dieser Natur zu schützen – nicht zu konservieren als Anschauungsmaterial sozusagen, sondern zusammenhängende Lebensräume in ihrer Vielfalt zu erhalten. Zwar sind dazu Gesetze und Verordnungen unabdingbar, doch nachhaltig kann dieses Ziel nur erreicht werden in einer Gesellschaft, in der naturwissenschafliche Kompetenz, entsprechende Sensibilität und Interesse über eine schmale Elite hinausreicht und bei Bevölkerung und Entscheidungsträgern gleichermassen verankert ist. Deshalb ist es besonders wichtig, in der heutigen Gesellschaft, die durch zunehmende Administration und eine wachsende Flut irrelevanter und unpräziser Information geprägt ist, die Rolle der Naturwissenschaften, ihrer Disziplinen und Vernetzungen in Schule und Freizeit zu verstärken. Nur so kann die schleichende Verdrängung, die in den letzten 20 Jahren durch unablässige Reformen stattgefunden hat, überwunden werden.

Um die immensen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts anzunehmen, und vielleicht auch zu meistern, ist eine breite Basis von Menschen mit solider naturwissenschaftlicher und technischer Ausbildung eine Notwendigkeit. Die Sensibilisierung muss in vielen Bereichen beginnen – die Ausstellung "Wunderwelt Insekten" leistet dazu einen wichtigen Beitrag, denn sie holt uns beim Staunen und Bewundern ab, dort wo Interesse und Neugier beginnen. Auf so vorbereitetem Boden will man mehr wissen und verstehen. Die Ausstellung verdient deshalb unsere Anerkennung.

Ich gratuliere den Ausstellungsmacherinnen und -macher und der Leitung des Natur-Museums Luzern im Namen der ganzen Jury zum Prix Expo 2003 der Schweizerischen Akademie der Naturwissenschaften, und wünsche Ihnen eine weiterhin erfolgreiche Ausstellung!